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Rathausstraße
Maritim und sympathisch - einfach einladend

Vom Stadthaus zum Rathaus


Mit der Erhebung zur Stadt brauchte Leer ein selbstverständlich auch ein Verwaltungsgebäude. Nachdem die städtischen Beamten anfangs wenig repräsentativ in Räumen der reformierten Kirche ihren Dienst versahen, wurde im November 1825 endlich das Stadthaus mit Kanzlei am Leda-Ufer, in unmittelbarer Nähe zur Waage, gekauft. Da nur drei Diensträume benötigt wurden, konnte man die übrigen Räume vermieten. So u.a. an die neugegründete Allgemeine Städtische Höhere Bürgerschule, die anstelle der aufgelösten Lateinschule 1834 im Stadthaus ihre Arbeit aufnahm. 1852 zog die Schule in das neue Schulgebäude an der Königstraße (heute: Wilhelmine-Siefkes-Schule), weil es auf fünf Klassen angewachsen war.

Noch drei Bürgermeister versahen in dem alten Stadthaus ihren Dienst, bevor ein „richtiges“, repräsentatives Rathaus gebaut wurde: Adolph Wilhelm Hillingh (1843-1852), Georg Heinrich Leonhard Schow (1852-1857) und Julius Pustau (1857-1887). Mit der wirtschaftlichen Entwicklung und dem technischen Fortschritt – die Eisenbahnlinie Emden/Leer/Rheine wurde gebaut, das Dock mit der Dock-Schleuse, ein Gaswerk und so weiter – musste die Zahl der Angestellten in der Verwaltung erhöht werden. Das Stadthaus platzte aus allen Nähten, da mittlerweile 21 Beamten und Angestellte sowie vier Hafenwächter und zwei Ausrufer für die Verwaltung der Stadt Leer tätig waren. Die Initialzündung zum Bau eines neuen Amtshauses gab das Vermächtnis des Bernhard August Schelten, wonach laut Testament 120 000 Mark aus seiner Erbmasse für den Bau eines neuen Rathauses verwendet werden sollte.

Kurz nach Amtseinführung des neuen Bürgermeisters August Diekmann (Amtseinführung am 18.01.1888), hatte man sich im November 1888 für einen Standort für das neue Gebäude entschieden; es sollte an der Ecke König-/Pfefferstraße gebaut werden, nachdem u.a. sogar in Erwägung gezogen worden war, zugunsten des Rathauses die Waage und einige Häuser am Nordrand des Uferplatzes abzureißen. Heute ein unvorstellbarer Gedanke. Dennoch mussten auch hier drei Häuser dem Neubau weichen: die sogenannte „Kaiserhalle“, bis 1820 Amts- und Gerichtshaus, das „Iderhoffsche“ Haus, eine ehemalige Bäckerei und das „Silomonsche“ Haus.

Deutschlandweit wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, für den sich 334 Architekten interessierten und die Planungsunterlagen des Stadtbaumeisters Karl Jipp anforderten. 31 Entwürfe wurden schließlich bis zum 15. Oktober 1889 eingereicht. Einhellig fand der Entwurf des Architekten Karl Friedrich Wilhelm Henrici, Professor an der TH Aachen, Lehrer für Neorenaissance, beim Preisrichter-Collegium - zu dem u.a. der Kaiserliche Baurat Paul Wallot gehörte, der den Berliner Reichstag entworfen hatte, den größten Zuspruch. Den Zuschlag für den Neubau erhielt die Firma Ernst Schumacher in Leer. Am 11. September 1890 erfolgte der erste Spatenstich und knapp drei Jahre später, am 1. Juni 1893, zog die städtische Verwaltung in das imposante Gebäude ein, dessen Fertig-stellung letztendlich 387 646, 08 Mark gekostet hatte. Die Scheltensche Erbschaft – Ausgangspunkt der Baupläne – machte „nur“ 44% der wirklichen Bausumme und der Grundstückskosten aus. Die offizielle Einweihungsfeier fand am 29. Oktober 1894 statt.

Jeder Besucher des nunmehr „Alten“ Rathauses – das neue Rathaus der Stadt Leer wurde am 19.08.1983 eingeweiht – bewundert heute das aufwendig gestaltete Innere des Stadtbild prägenden imposanten Gebäudes. Insbesondere die Wand- und Gewölbemalereien des Stuttgarter Kunstmalers Robert Nachbauer in den weiten Hallen (in der Eingangshalle zum Beispiel  Allegorische Frauengestalten), den Fest- und Sitzungsräumen sowie dem großzügig angelegten Treppenhaus versetzt den Betrachter in Erstaunen, zumal diese Innenraumdekoration aus der Zeit der Jahrhundertwende auch in den Farben noch frisch und gut erhalten ist.

Gestern wie heute bildet das Ensemble Rathaus und Waageplatz in Kombination mit den umliegenden behutsam restaurierten Bürgerhäusern und der idyllischen Uferpromenade das Herz der schönen Hafenstadt im „Zweistromland“ zwischen Leda und Ems.

Seit über 100 Jahren sind die Bürger der Stadt stolz auf das städtebauliche Kleinod „Rathaus“, dessen Turm schon von weitem ins Zentrum der Kapitale des Landkreises weist.

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