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Rathaus


Tritt man durch den Haupteingang von der Rathausstraße in das Rathaus, so kommt man zunächst in das Vestibül , einen quadratischen Raum. An der Wand rechts ist die Gedenktafel für Herrn B. Schelten angebracht. Die Tafel ist aus Kupfer hergestellt und hat folgende Inschrift: Bernhard August Schelten, geb. 3. Februar 1840, gest. 3. Februar 1881 zu Leer, legte durch letztwillige Zuwendung seines Vermögens an die Stadt Leer den Grund zum Bau dieses Hauses. Ihm und seiner Familie widmet in dankbarer Erinnerung diese Gedenktafel die Stadt Leer. 1893. – Oben an der Decke des Kreuzgewölbes ist in flotter Malerei das Leeraner Stadtwappen angebracht; ein schöner kunstvoll gearbeiteter Lüster aus Schmiedeeisen hängt von der Decke herab.

 

Rathaus - Erdgeschoss
Rathaus - Erdgeschoss

Durch eine Windfangtür tritt man in die Wartehalle, an welche sich rechts das Treppenhaus anschließt. Direkt an der Wartehalle liegt links: 1. Die städtische Spar- und Leihkasse mit einem feuerfesten Tresor, in welchen man durch einen doppelten, feuer- und diebessicheren gepanzerten Türverschluss gelangt; 2. das Standesamt. Von der Wartehalle gelangt man durch eine gerade vor dem Eintretenden gelegenen Tür zu den auch von der Königstraße zugänglichen Diensträumen und zwar zunächst auf einen geräumigen Vorplatz, an welchem links das Schiedsmannsamt, geradeaus das Büreau für Steuer- und Militär-Meldesachen, rechts die Räume der städtischen Polizei-Verwaltung liegen. Tritt man durch die links liegende Windfangtür, so befinden sich rechts die Räume der Kämmerei.

An der Rathausstraße mit separatem Eingang liegen die Räume des Postamts II und zwar ein Schalterraum, ein Dienstzimmer, ein Paketraum und ein Wachzimmer.

Von der Wartehalle des Erdgeschosses gelangt man über die Treppe in das erste Obergeschoss. Sehr ansprechend tritt hier wie auch im Erdgeschoss das Treppenhaus (von der Wartehalle aus gesehen) hervor. In kräftigen Formen werden die Bogen der zwischen den Wartehallen und dem Treppenhause durchbrochenen Wand am Fuße der Treppe durch teils polierte Säulen aus Raerner Blaustein, in schönster sauberster Ausführung und teils durch gemauerte Pfeiler getragen. Baluster in schönen Formen tragen den polierten Handlauf. Die dekorative Malerei, in flotter künstlerischer Manier, zeugt von verständnisvoller Lösung der dem Dekorationsmaler gestellten Aufgabe. Die bunten Fenster des Treppenhauses sind ein Geschenk von Fräulein Johanne Fischer und der verstorbenen Frau Justiz-Kommissär Feltrup. 

Rathaus - Erdgeschoss
Rathaus - Erdgeschoss

An der Front der Königstraße liegen: ein Vorzimmer, der Sitzungssaal der städtischen Kollegien, ein Garderobe-Zimmer und ein Beratungs-Zimmer im Turm, das Empfangs-Zimmer an der Front nach der Rathausstraße, das Dienst-Zimmer des Bürgermeisters, das Sekretariat, das Archiv, an welches sich nach dem Hofe hin das Bibliothek-Zimmer anschließt, welches auch von dem Vorplatze aus zugänglich ist. In dem nordwestlichen Flügel gleichfalls nach dem Hofe hin liegen die Räume des Stadtbauamts. Reizend und mollig ist das Empfangs-Zimmer. Die durch ein Kreuzgewölbe gebildete Decke ist mit einer leichten schwungvollen Malerei versehen. Von der Mitte der Decke hängt eine in einfachen Renaissanceformen ausgeführte messingene Beleuchtungskrone herab, die Wände wurden auf etwa 1,75 Meter Höhe mit Holzvertäfelung versehen und diese in weichen rot und grauen Farbtönen gestrichen, während die Wandflächen selbst in grau-grüner Farbe gehalten sind. Die Möbel sind schwarz poliert, die Polsterung der Stühle mit grünem Seidenplüsch überzogen, während die Fenstervorhänge aus grünen und roten Plüschstoffen hergestellt sind. Es zeugt hier nicht allein die Ausführung der Malerei, sondern die ganze Ausstattung des Raumes von einem feinen gediehenen Geschmack.

Der Sitzungssaal ist im Ganzen einfach und würdevoll gehalten. - Besonders schön wirkt die Holzdecke, die Wandvertäfelung, die durchbrochene Wand zwischen dem eigentlichen Sitzungsraum und dem Zuhörerraum und die Dekorationsmalerei, sowie die Beleuchtungskörper. Erwähnt sei noch, dass an der Fensterwand die Namen und Wappen der Mitglieder der städtischen Kollegien, welche während der Zeit vom Ankauf des Bauplatzes bis zur Vollendung des Rathausbaues, also von 1887 bis 1893 im Amte waren, angebracht sind. – Die Wappen sind zum größten Teile nach der Bedeutung des Namens oder nach dem Geschäfte des betreffenden Kollegien-Mitgliedes entworfen.

Nach der Rathausstraße – und zwar über dem Haupteingange – liegt das Arbeits-Zimmer des Bürgermeisters. Die ganze Einrichtung dieses Zimmers ist einfach, aber eigenartig und ruhig.

Das nach dem Hofe liegende Bibliotheks-Zimmer wird z.Z. als Sitzungszimmer des Magistrats mit benutzt. Die Ausstattung ist einfach und gediegen aus Eichenholz hergestellt. Der Tisch ist die Nachbildung eines alten friesischen Tisches, die Stühle sind von den Mitgliedern des Magistrats gestiftet.

Die übrigen Räume sind alle nur einfach ausgestattet. Die in der Wartehalle des ersten Obergeschosses aufgestellte schöne holländische Standuhr ist ein Geschenk des Herrn Auktionator Buttjer hier. Am oberen Ende der Treppe prangt ein herrlicher in Kupfer getriebener Postamentleuchter; letzterer – ein Meisterwerk der Kupferschmiedearbeit, ganz aus freier Hand getrieben, ohne Lötung – wurde zu diesem Zweck in der Werkstatt des Herrn H.E. Müller hierselbst hergestellt und von Genanntem der Stadt als Geschenk überwiesen. (...) An der Front der Königstraße liegt der große Festsaal – etwa 20 Meter lang und 10 Meter breit – Geschosshöhe 5 Meter, Gewölbehöhe 3 Meter.

Der Saal ist mit einem Parkettfußboden versehen, die Wölbung ist aus Gipsdielen zwischen Holzgerippen hergestellt und an der, über derselben befindlichen eisernen Dachkonstruktion aufgehängt. Die Wände sind mit Holzvertäfelungen, die in der Tischlerwerkstätte des Herrn H.A. Schulte hier äußerst exakt angefertigt wurden, versehen.

Kaiserfenster Ratssaal

In der westlichen Stirnwand sind die drei Kaiserfenster angebracht. Das Mittelfenster stellt Kaiser Wilhelm I. dar und ist von der hiesigen Freimaurerloge geschenkt. Das Fenster mit dem Bildnis des Kaisers Friedrich III. ist ein Geschenk des Herrn Senators Wreesmann. Das Fenster mit dem Bildnis des Kaisers Wilhelm II. ist von dem Buchdruckereibesitzer Herrn E.G. Zopfs geschenkt worden. An der östlichen Stirnwand befindet sich oben das Orchester, in leichter, hübscher Holzarchitektur ausgeführt. – Die Dekorations-Malerei ist hier mit Geschick dem Raume stimmungsvoll angepasst. Die übrigen Räume sind teils Nebenräume des Festsaales, als: Nebenzimmer, Anrichtezimmer, Garderobenzimmer, und diese sind in ihrer Einrichtung den Zwecken entsprechend einfach ausgestattet; ebenso die Kommissionszimmer und der Saal des Museums. 

Letzteres ist zwar erst im Entstehen, jedoch sind schon manche wertvolle Gegenstände als Geschenke eingegangen, so dass bei dem regen Interesse unserer Mitbürger das Museum wohl baldigst eine Sammlung Kunst- und kunstgewerblicher Gegenstände etc. aufzuweisen haben wird. – Durch eine seitliche Bodentreppe des Flügels an der Rathausstraße gelangt man auf den Turm. Von der Galerie des Tur-mes hat man einen wundervollen Blick über die Stadt und weit hinaus in die herrliche, von der Ems und Leda durchzogene Landschaft, die dem Auge des Beschauers reiche Abwechslung bietet.

Der Ratskeller, Eingang Königstraße, ist eins der schönsten Restaurationslokale der Stadt Die innere Ausstattung ist einfach, dabei aber gediegen und dem ganzen Baustil des Gebäudes angepasst. Die Wände sind mit einfacher, hölzerner Wandbekleidung versehen und die Dekoration in heiterer Weise durchgeführt. Die ganze malerei zeugt von dem Humor des Deko-rationsmalers. Besonders gemütlich für kleinere Gesellschaften ist die sogenannte „Schwalben-Nische“ gleich rechts vom eingang und die „Adler-Nische“ am Ende des Kellers.

Von den Wandmalereien ist hervorzuheben: „Der Ritter von Rodenstein“, „Der heitere Zecher“, „Die alten Deutschen“. Aber auch die Deckenmalerei, wenngleich in leichter Manier gehalten, zeugt von der Fertigkeit des Meisters, Kunstmalers Nachbaur in Stuttgart.

An den Gurtsbögen zwischen den einzelnen Gewölbe-Abteilungen sind Sprüche angebracht, die hier noch am Schlusse folgen mögen:

Über der Eingangstür:
Seid umschlungen Millionen.
Willkommen!

Erstes Kreuzgewölbe:
Einigkeit ein festes Band,
Hält zusammen Leut’ und Land.

Trinket, Esset, Schmauset hier,
Herrlich seid Ihr aufgenommen.
Allen soll es wohlbekommen.

Herz zwingen, Zungen binden,
Eigenen Willen überwinden,
Alles Ding zum Besten kehren,
Die vier thun die Tugend mehren.

Zweites Kreuzgewölbe:
Gut Bier, frischen Wein,
Eine Musika zu sein, dazu
Ein Jungfräulein – Wär’ ja von Stein,
Der net wollt’ lustig sein.
Es sprach der Herr von Rodenstein:
Daß Gott mir helfe,
Gibt’s nirgends mehr ´nen Tropfen Wein,
Des Nachts um halber Zwölfe.

Es ist Alles eitel, außer nur drei Stück allein,
Hübsche Mädchen, guter Wein und ein voller Beutel,
Hab ich die, so bin ich froh und sprech’ auch wie Salomo:
„Es ist Alles eitel.“

Drittes Kreuzgewölbe:
Keiner weiß, zu welcher Stunde
Welchen Weg er geht von hier,
Drum bis dahin seid froh im Bunde,
Trinken, lieben, leben wir.

Alles, was Euch lieb,
Alles, was Euch hold,
Beim gold’nen Wein Ihr preisen sollt.

Thu’ die hübschen Mädchen lieben,
Junge Weibchen nicht betrüben,
Alte Weiber auch nicht hassen,
Kurz, was lebet, leben lassen.

Viertes Kreuzgewölbe (Adler-Nische):
Ich wünsch’ Dir Wein, Bier und Mädchenkuß
Und Deinem Klepper Pegasus
Die Krippe stets voll Futter.
Denn wer nicht liebet Wein, Weib und Gesang,
Der bleibt ein Narr sein Leben lang.

Der alten Deutschen Nahrung
War Abends Bier, des Morgens Harung.

Wenn am Abend sinkt die Sonnen
Sei’s dem Guten auch gegonnen,
Daß er in sich geht und denkt, Wo man einen Guten schenkt.

Schwalben-Nische:
De Win deit sin Deel.

Wolle fromm! Denke frei! Handle froh! Trage frisch!

De Kehl kost’t veel.

Aus: Festbericht der Einweihungs-Feierlichkeiten des neuen Rathauses zu Leer am 29. Oktober 1894. Leer 1894, Druck und Verlag von D.H. Zopfs & Sohn – (einzusehen in der Bibliothek des Stadtarchivs Leer)

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