Ostfriesland und Tradition
Ostfriesische Traditionen gibt es in vielerlei Erscheinungsformen. Sie werden liebevoll gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben.
Kopfschüttelnd nimmt man in Ostfriesland beispielsweise Verfälschungen, Minimierungen oder Nachgemachtes zur Kenntnis, die sich sogar in Bereiche eingeschlichen haben wie dem Teetrinken. Das Teetrinken, des Ostfriesen liebstes Kind, beinhaltet nämlich nicht nur den Vorgang des Teetrinkens im eigentlichen Sinne zum bloßen Durstlöschen vermittels Tee; das ostfriesische Teetrinken ist eine Philosophie. Welchen Stilbruch stellt also ein profaner Becher Tee auf die Schnelle dar, abgeflacht im Aroma mit schnöder H-Milch und das in großer Eile getrunken für einen ostfriesischen Tee- Puristen! Unsitten, wie der Genuss mehrerer Tassen Tee über die dem Genießer gebührenden drei hinaus (dree is Oostfresen Recht) oder gar das hektische Durcheinanderrühren von Kluntje und Sahne, sind während einer honorigen Teezeremonie undenkbar.
Undenkbar auch, dass das ostfriesische schlichte „Moin!“ ausgewalzt wird auf ein „Moin, Moin!“, das in Ostfriesland nicht gesagt wird, weil es 1. keinen Sinn gibt und 2. in Geschwätz ausarten würde.
Das „Moin“, bis heute als Begrüßungsformel morgens, mittags und abends im hohen Nordwesten gebräuchlich, heißt nichts anderes als „en mojen Dag“ oder „en mojen Middag“ oder „en mojen Mörgen“ und so weiter. Der Einfachheit halber hat man mit den Jahren die genaue Tageszeit einfach weggelassen und sich auf „en mojen“, also „Moin!“ beschränkt. „Moin, Moin“ wäre demnach 1. und 2., nämlich sinnloses Geschwätz, weil man sich auch im Hochdeutschen keinen „schönen, schönen Tag“ wünscht.
Also liebe Urlauber, wundern Sie sich bitte nicht, wenn Sie nachmittags von den „eingeborenen“ Ostfriesen mit einem freundlich dahingeworfenen „Moin!“ gegrüßt werden (im übrigen wird jeder gegrüßt, auch Fremde). Sie müssen dann nicht mit einem unsicheren „Morgen!“ antworten, denn der war nicht gemeint!
